Gegen den Strom
- Christian Haase
- vor 2 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Morgen habe ich Geburtstag. Es wird mein fünfundvierzigster sein und es wird regnen. Zumindest sagen das die Mathematik und die Wettervorhersage. Beides ist mir Wurscht. Ich freue mich auf den Tag, die Nachrichten und Anrufe, die mich erreichen und mich erinnern, wie reich ich bin. So umgeben zu sein von Menschen, denen ich und das, was ich tue, etwas bedeutet.

Das erste Vierteljahr ist damit wieder um. Der erste Teil der Seilschaft-Tour "Gegen den Strom" ist gespielt und alle Schwierigkeiten sind umschifft worden. Ich denke, die Tatsache, dass es Mario Ferraro nicht schaffte, rechtzeitig zu unseren Konzerten in Coswig und Bad Elster zu sein, war mit der größte Felsen, den es zu umschiffen galt.
Mario war im verdienten Urlaub - wie jedes Jahr um diese Zeit - auf den Kanarischen Inseln. Sein Flug zurück sollte am Mittwoch stattfinden. Jener Tag, an dem auf dem BER - Hauptstadtflughafen nichts mehr ging, weil gestreikt wurde. Mit viel Mühe und der zähen Hilfe des Reiseveranstalters gelang es Mario, auf einen Flug nach Hamburg umzubuchen. Über Social Media fanden wir sogar jemanden, der ihn dort abholen und nach Berlin bringen könnte. Alles ist gut, dachte ich mir, als ich mich mit einem Feierabendbier in die Plantage setzte und glücklich war, dass die Bäume so wundervoll zu blühen begannen. Dann klingelte das Telefon.

Mario versuchte mit Humor und "Die Kuh Elsa ist tot..."- Manier den Kern seines Anliegens zu beichten, aber nach all den Jahren unterwegs auf Tour kenne ich das kleine, kaum merkliche Zittern in seiner Stimme, das eine gewisse Verzweiflung nicht vollständig verstecken kann. Er sei nun seit Stunden am Flughafen, sein Flug nach Hamburg und alle anderen Flüge seien gecancelt worden, weil ein Sturmfront Starts und Landungen unmöglich machen würden. Es war klar, dass er es nicht mehr rechtzeitig nach Berlin schaffen könnte, um das Wochenende mit uns zu spielen. Er tat mir leid. So weit weg zu sein und alle Felle davon schwimmen zu sehen, mit diesem Rucksack an schlechtem Gewissen auf der Schulter und dem Verantwortungsgefühl für die Band und die Shows im ohnehin schon schweren Koffer. Ich ließ ihn ausreden, schaute über die Berge, nahm einen Schluck Bier und dann einen tiefen Atemzug: "Lass es ziehen, Mario. Das ist jetzt etwas, das außerhalb deiner Kontrolle ist.", sagte ich.
"Das hat meine Frau auch gesagt.", antwortete er.
Ich versicherte ihm, dass wir die Konzerte auch ohne ihn schaffen würden.
Wir einigten uns noch, den Abend abzuwarten, bevor wir die Band verständigen und Unruhe verteilen. Vielleicht ergab sich ja doch noch eine Möglichkeit, nach Berlin zu kommen. Wirklich geglaubt hatten wir es beide nicht.
Als wir auflegten, überlegte ich kurz, doch gleich unseren musikalischen Leiter zu informieren. Wenn Micha meint, ohne Mario würde es nicht gehen, müsste ich auch nicht erst nach Deutschland reisen. Aber ich verwarf den Gedanken. Wir haben bereits ohne Tina, ohne Micha, ohne Christoph und ohne Andy gespielt. Jetzt war eben Mario dran.

Als ich mich am frühen Morgen aus dem Bett schälte, hatte ich schon Marios Nachricht auf dem Telefon, dass er erst am Sonntag ausgeflogen würde. Ich schrieb Micha eine Mail und bat ihn, mich dringend zurück zu rufen.
Sein Anruf erreichte mich, als ich gerade den Terminal am BER verließ und Richtung Bushaltestelle lief. Er wirkte aufgeräumt und wir beschlossen, am Abend länger zu telefonieren, die Setliste durchzugehen und gemeinsam zu überlegen, wie markante Stellen zu ersetzen wären.
Ziemlich erschöpft, von der Reise, dem kühlen Wetter in Deutschland, dem langen Telefonat am Abend und den damit verbundenen Notizen, ließ ich mich in den Sessel sinken, fischte die Gitarre aus dem Halter an der Wand und spielte mich durch meine eben auf der Setliste gemachten Anmerkungen. Wird schon werden, dachte ich, und ging viel zu spät für meine Müdigkeit und viel zu zeitig für den Tour-Alltag zu Bett.
Es wurden zwei wunderschöne Shows in Coswig und Bad Elster. Besonders Bad Elster, in diesem wunderschönen, ausverkauften Theater, wird mir lange in Erinnerung bleiben. Mit Mario wäre es schöner gewesen, aber der allgemeinen Stimmung tat sein Fernbleiben keinen Abbruch. Oder nur einen kleinen.
Auf jeden Fall aber war dieses Wochenende ein "Spreader-Event", um mal das Vokabular aus einer hoffentlich hinter uns gebrachten Zeit, zu benutzen. Montag Abend lag die ganze Band flach und kämpfte mit unentwegt laufenden Nasen. Ein Kampf darum, zum letzten Konzertwochenende des ersten Quartals wieder fit zu sein.
Die wunderbaren Shows in Magdeburg und Potsdam waren aber der letzte Tropfen Nasenspray, der nötig war, um wieder ganz auf die Beine und in den April zu kommen.
Alles Liebe,
Euer Haase








Coswig war wunderbar!!! Nun soll das nicht bedeuten, dass es gut und gerne ohne Mario geht. Der gehört einfach dazu! Aber wenn mal wirklich absolut kein Flug geht, dann kann er sich bedenkenlos zurücklehnen. Die anderen schaffen es trotzdem irgendwie, weil sie einfach alles geben..., wollen und können...Und wie Du schreibst, es mussten schon andere der Band "überspielt" werden... Nur wenn die Stimme fehlen würde..., das wäre dann wohl doch ein Problem.
Na, dann hat es ja doch noch geklappt. Es ist zwar kein Mensch oder Musiker wirklich ersetzt, aber Ihr seid ja flexibel. Liebe Grüße und alles Gute weiterhin.